hlelle bunte Punkte vor grünem Hintergrund

Todesträume, Greensleeves und mein Musiklehrer

Ich bin derzeit krank, kuriere eine Nebenhöhlenentzündung aus. Ich fühle mich fiebrig, wacklig, habe schlecht geschlafen. In der Nacht hatte ich zwei seltsame Träume. In einem stand ich in tiefer Dunkelheit in der Mitte einer riesigen schwarzen Scheibe, die sich langsam drehte, langsamer wurde und dann zum Stillstand kam. Im anderen Traum litt ich an einer unheilbaren Krankheit. Die Ärzte sagten mir, sie würden mich zwar noch einmal operieren, aber dann käme ich in ein Zimmer, das würde ich dann nicht mehr lebend verlassen. Später sah ich meine Hand an der Klinke zu dieser Tür, eine ganz normale braune Zimmertür. “Hier komme ich nicht mehr lebend raus”, dachte ich. Im Aufwachen brauchte ich einige Augenblicke um zu begreifen, dass alles nur Träume waren.

Kurz darauf saß ich mit meiner Familie am Frühstückstisch. Wir hatten einen Weihnachtsradiosender an, es lief eine schlechte Coverversion von Greensleeves. Sentimental und langweilig. Und ich musste an eine Musikstunde in der achten oder neunten Klasse denken, als wir Greensleeves im Unterricht durchnahmen und auch selber sangen. Ich konnte nicht mitsingen, ich wusste, ich würde in Tränen ausbrechen. Mein Musiklehrer bemerkte es und sagte nichts.

Er war an dieser furchtbaren Schule der einzige Lehrer, von dem ich mich wirklich angenommen gefühlt habe. Er hat uns Schüler und Schülerinnen, die mitten in der Pubertät steckten, immer ernst genommen. Ich erinnere mich an eine Diskussion über den Unterschied zwischen Schönheit und Wahrhaftigkeit. Ich glaube der Anlass war eine Diskussion über ein Stück moderner Musik, das wir nicht mochten, weil es so unharmonisch war. Unser Lehrer war der Meinung, dass das Hässliche eben oft wahrhaftiger ist als die Schönheit. Wir blieben dabei, dass wir das Stück nicht mochten. In der Woche darauf kam er mit einem BIld eines gekreuzigten Jesus, auf dem Jesus nicht nur die Wunde an der Seite hat und etwas Blut im Gesicht, sondern so aussieht, wie ein zu Tode gequälter Mensch eben aussieht. Ich bin sicher, er hat zu Hause über unsere Diskussion nachgedacht und dann das Bild herausgesucht. Und natürlich hat er recht, die Realität ist oft ziemlich hässlich.

Das alles ist etwa 30 Jahre her. Unfassbar lange. Ich bin meinem Musiklehrer später einmal auf der Straße begegnet, er ging an mir vorbei ohne mich zu bemerken und ich habe mich nicht getraut, ihn anzusprechen. Ich hätte mich gerne bedankt.

 

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