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Schlagwort: Leben

Herzsingen

Heute Nacht lag ich mal wieder wach. Meistens ziehe ich dann auf das Schlafsofa im Arbeitszimmer um und lese bis ich wieder einschlafen kann. Heute nacht schlief ich bis 06:30 gar nicht mehr ein. Genug Zeit also um Harry Potter und die Heiligtümer des Todes fertig zu lesen, zum wie vielten Mal weiß ich gar nicht mehr. Ich kam zu der Stelle, wo Harry Potter zu Voldemort geht um sich von ihm töten zu lassen, weil auch er ein Horkrux ist. Harry muss sich opfern, damit Voldemort vernichtet werden kann. Und manchmal packt mich bei solchen Beschreibungen selbst die Angst. Vor meinem Tod. Der so unvorstellbar ist und doch irgendwann kommen wird.

Ich bin jetzt 44, gerade erscheint mir diese Zahl selbst so irreal, gerade jetzt klingt das so alt. Ich hoffe, dass ich noch genauso viele Jahre vor mir wie hinter mir habe. Drei meiner Großeltern wurden über 90, der eine Großvater immerhin 82. Auch nicht wenig. Aber eine Tante von mir wurde nur 52. Krebs, das Arschloch.

Ich bin nicht religiös, ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod oder an eine Wiedergeburt. Ich bin mir sicher, dass ich nur dieses eine Leben habe. Manchmal spüre ich die Begrenztheit des Lebens, meines Lebens, sehr deutlich. Und öfter lasse ich mich treiben. Und die Zeit vergeht. Viel zu schnell. Viel zu viel Zeit ist mit Kummer vergangen. Mit Angst. Dass ich ein Kind war, scheint ewig her. Manchmal fühlen sich meine Erinnerungen an wie Erzählungen über eine andere Person.

“Ich habe solche Angst zu sterben”, sagte ich einmal zu meiner Mutter, da war ich etwa acht und habe wohl das erste Mal etwas von meiner Endlichkeit begriffen. Und dann habe ich geweint, weil ich das so traurig fand. Jetzt weine ich auch, während ich das schreibe, weil ich immer noch traurig darüber bin, dass irgendwann alles vorbei sein soll. Und weil ich mich frage, wann so viel Unbeschwertheit verloren gegangen ist und wo dieses Glücksgefühl ist, dass ich als Kind hatte, einfach darüber, dass ich da bin. Diese Momente, in denen ich mich ganz und gar spürte und einfach nur froh war.

Es ist etwas verloren gegangen, bei den meisten Menschen geht etwas kaputt. Gibt es wirklich unbeschädigte, heile Menschen? Ich habe oft das Gefühl, wir wurschteln uns so durchs Leben mit unseren unterschiedlich großen Rucksäcken hinten drauf und versuchen unser Bestes. Oder wir verbittern. Oder wir straucheln ganz und bleiben liegen.

Warum scheitert die Menschheit so sehr am Glück? Warum reichen wir so oft Unglück weiter statt Glück? Ich kann die Frage nicht beantworten.

Herzsingen, das Wort kommt aus diesem Tweet und das trifft das Gefühl gut, dass ich wieder mehr haben will. Herzsingen, Herzreden, Herzleben.