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Schlagwort: Intelligenz

Toaster

Der Toaster ist kaputt und das bringt mich zum Nachdenken

Unser Toaster ist kaputt gegangen. Er ist genauso alt wie unsere Ehe, er war nämlich ein Hochzeitsgeschenk. Er hat lange gehalten, 18 Jahre hat er reibungslos funktioniert. Heute morgen blieben die Toastscheiben nach dem Runterdrücken dann nicht mehr unten, sprangen immer wieder hoch. Also kein Toast zum Frühstück. Macht ja nix. Später habe ich dann meinem Mann davon erzählt. Wir überlegen, der Schenkerin von damals eine böse anonyme Mail über ihren blöden Toaster zu schicken, der nur 18 Jahre gehalten hat. Er googelt sie sogar. Sie ist jetzt Coach. Natürlich schreiben wir die böse anonyme Mail nicht.

Zu der Toaster-Schenkerin habe ich schon lange keinen Kontakt mehr. Sie hat mir – lange ist es her – ernsthaft viermal hintereinander eine Verabredung abgesagt. Irgendwann hatte ich dann keine Lust mehr – vielleicht hatte sie ja auch nie wirklich Lust, wer weiß. Später traf ich sie dann noch mal auf der Straße und hatte dann irgendwie keine Lust mehr auf unverbindlich nettes Geplapper, das ja doch nichts bedeutet, also habe ich nur “Hallo” gesagt und bin weitergegangen. Sie hat etwas verdutzt geschaut.

Und jetzt ist sie Coach, selbstständig. Und ich gestehe, ich bin neidisch. Weil das mit dem Selbstständig-Sein ja auch immer noch durch meinen Kopf geistert und Coach sein war ja auch lange ein Wunsch von mir. “Wenn die das kann, kann ich das auch” denke ich und gleichzeitig habe ich das Gefühl, nicht mit ihr mithalten zu können. Weil sie attraktiv ist, weil sie so eine Art hat, dass die Leute sie mögen, weil ich ihr zutraue, dass sie diese Business-Freundlichkeit drauf hat. Ich finde mich immer zu ernst, zu reserviert. Ich brauche lange, um aufzutauen. Ich reagiere genervt, wenn mir Honig ums Maul geschmiert wird und dann geht es nur um mein Geld und warum ich denn keine Kundenkarte will. Mir geht so was wie Sendungsbewusstsein ziemlich ab und ich wäre auch nicht gut darin, andere von meinen tollen Produkten/Dienstleistungen zu überzeugen. Und besonders schön finde ich mich auch nicht.

Ich kann gerade einfach keine rausgeputzte Fassade bieten. Ich mag mich nicht mehr verkaufen. Ich fühle mich ausgeschlossen, abgeschnitten, weil überall wo ich hinwill, schon andere sind, die nicht besser sind als ich, aber besser tun, was sie tun. Die mehr Zuversicht haben. Die einfach machen und nicht tausend “Ja, aber” im Kopf haben. Und manchmal bin ich wütend auf sie, weil sie ja eigentlich gar nicht so toll sind und trotzdem so von sich überzeugt. Aber meistens bin ich wütend auf mich, weil ich vielleicht viel toller bin und es nicht zeige.

Ausgeschlossen

Ich versuche das mal in Worte zu fassen, was mich gerade so umtreibt. Versuche, in Worte zu fassen, was mich so blockiert, v.a. im Berufsleben.

Zuerst ein paar Fakten:

Ich bin 42, weiblich, habe zwei Töchter. Seit dem Abitur dümpele ich eigentlich so durchs Leben. Ich konnte mich erst nicht für ein Studium entscheiden, letztlich wurde es Diplom-Pädagogik, was ich auch nie bereut habe. Danach habe ich aber nie wirklich die Kurve in einen Job geschafft, der mir und meinen Qualifikationen entsprach. Ich sah mich nicht in der Wirtschaft, wo einige meiner Komillitonen hingingen. Ich jobbte eine Zeit lang freiberuflich und landete letztlich in Jobs in der Sozialpädagogik. Dagegen ist nichts zu sagen, außer: ich bin keine Sozialpädagogin, weder vom Studium, aber noch weniger von der Persönlichkeit her. Ich will keine Menschen retten, um es mal so platt auszudrücken. Aber noch weniger will ich in schlecht bezahlten, befristeten Arbeitsverträgen arbeiten, unter Arbeitsbedingungen, die keinerlei Aufstieg erlauben, weder finanziell noch auf der Karriereleiter.

Mein letzter Job war an einer Berufsschule, ich sollte die Lehrer und Lehrerinnen im Unterricht unterstützen, Einzel- und Kleingruppenförderung anbieten. Kurz gesagt: Es wurde ein Desaster. Es ging nicht. Zwischendrin klappte ich zusammen, saß nur noch heulend auf dem Klo, nichts ging mehr. Ich war zwei Wochen krank geschrieben, entschied mich dann für eine Mutter- Kind-Kur außerhalb der Ferien, was mir die Schulleitung sehr übel nahm. Aber es musste sein. Letztlich habe ich den Job dann gekündigt, warum die Schule mir nicht gekündigt hat, verstehe ich bis heute nicht. Das war vor etwas mehr als einem Jahr.

Seitdem arbeite ich nicht mehr. Ich hätte Jobs haben können, aber das wäre dasselbe in Grün geworden. Befristete Arbeitsverträge. Schlechte Bezahlung. Hohe Ansprüche. Ich will das nicht mehr.

Und wieder dümpele ich. Laut meinem Arbeitsamtbetreuer bin ich hochqualifiziert – seltsam nur, dass ich dann immer wieder in den Jobs arbeiten sollte, in die ich um keinen Preis mehr zurück will. Bisher konnte ich immer nur sagen, was ich nicht wollte. Wieder so arbeiten müssen wie in den letzten Jobs. Aber in die andere Richtung ergab sich nichts konkretes, trotz eines langen Prozesses bei einer tollen psychologischen Beraterin. Es gab immer wieder Ideen, die mich selbst nach einer Weile nicht mehr interessierten. Es blieb alles irgendwie formlos, nichts wurde konkret. In der Beratung wurden nach und nach die Grundüberzeugungen deutlich, mit denen ich so durch die Welt laufe. Bisher sind sie allesamt negativ. Und heute kam noch etwas dazu:

Ich fühle mich von den Menschen ausgeschlossen, die ich insgeheim bewundere. Ich fühle mich von ihrem Leben ausgeschlossen, das ich insgeheim bewundere. Was auch heißt: Das Leben, das ich mir eigentlich wünsche, ist für mich  – scheinbar – nicht möglich. Ich fühle mich von dem ausgeschlossen, was mich anzieht.

Jetzt, wo ich drüber nachdenke, ist das schon meiner Schulzeit so. Ich galt immer als frühreif, intelligent. Heute weiß ich, dass ich einen IQ von 124 habe und ich habe den Test mit Kopfschmerzen gemacht und in einer Umgebung, die ich sehr unangenehm fand. Davon profitiert habe ich bis heute nicht. In meiner Schulklasse war wichtig, wer wie viel Geld hatte. Marken waren wichtig, u.a. diese furchtbaren Fiorucci-Sweatshirts und ich glaube auch, die die Diesel-Jeans kamen zu dieser Zeit auf. Es gab die Popper und die Prolls. Und ich hatte das Gefühl, nicht mithalten zu können, obwohl es mir an nichts fehlte, obwohl meine Familie eine solide Mittelklassenfamilie ist. Ich war irgendwo dazwischen, zwischen den Poppern und den Prolls. Bei beiden Gruppen zählte Intelligenz wenig. Im Gegenteil, mit jeder – sicher gut gemeinten –  Bemerkung von Lehrern über meine Intelligenz fühlte ich mich etwas mehr ins Abseits gestoßen. Was ich hatte, war nicht wichtig. Wichtig war Aussehen, alle Mädchen wollten so aussehen wie meine französische Mitschülerin. Und irgendwann kam von meiner besten Freundin noch aus Grundschulzeiten, die Bemerkung, ich hätte ja gar kein richtiges Bett. Ja, ich hatte eine etwas durchgelegene Schlafcouch. Die hatte ich schon lange, aber bisher hat sie es nicht gestört. Sie zog etwa zu der Zeit mit ihrer Familie in eine freistehende Villa mit Gästezimmer. Da konnte meine Familie natürlich nicht mithalten. Unsere Freundschaft ging zu Ende und ich blieb zurück mit dem Gefühl, nicht mehr gut genug für sie gewesen zu sein. Die frühere Freundin hat heute eine eigene Firma. Eine andere Mitschülerin, deren Vater Architekt war ist heute in der PR eines großen Unternehmens.

Und ich dümpele. Und frage mich, was bei mir schiefgelaufen ist. Warum kann ich mein Potenzial nicht umsetzen? Ein Teil der Erklärung ist, dass gerade als ich Abitur machte und dann auch im Examen jeweils massive Krisen in meiner Familie waren, die mich sehr gefordert haben und die es meiner Familie nicht möglich gemacht haben, mich in diesen Übergangszeiten zu unterstützen. Aber das ist nur ein Teil der Erklärung. Wenn ich einen Plan gehabt hätte, dann hätte ich ihn umsetzn können, vielleicht etwas verzögert. Aber ich hätte ihn umsetzen können. Aber es gab keinen Plan. Dafür das Gefühl, auch außerhalb der Familie keine Unterstützung zu haben. Oder sie sich nicht holen zu können. Oder zu dürfen.

Aber vor allem ist da immer noch das Gefühl, nicht dazuzugehören. Zu den Erfolgreichen. Viele dieser “Insignien” des Erfolgs schrecken mich ab. Die uniformierten Mengen der Anzugträger, die in der Mittagszeit in der Innenstadt unterwegs sind, finde ich eher abstoßend. Ich habe das Gefühl, die, die Erfolg haben, haben etwas, das mir fehlt. Vielleicht die selbstverständliche Sicherheit, dass ihnen Erfolg zusteht. Vielleicht auch nur Dreistigkeit. Es ist so, als würden sie über ein geheimes Wissen verfügen, dass sie nur einander weitergeben. Ich fühle mich ausgeschlossen und weiß doch, dass ich mindestens genauso viel kann wie sie.