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Schlagwort: Geschichten

Wir müssen einander bessere Geschichten erzählen

Über meine geliebten TED-Talks stieß ich neulich auf diesen Vortrag des israelischen Historikers Yuval Noah Harari: “What explains the rise of humans?” Seine Erklärung fand ich sehr interessant. Sie besteht aus zwei Teilen:

Menschen sind deshalb so erfolgreich, weil sie in großer Zahl miteinander kooperieren können, was z.B. Primaten nicht können. (Alle blauen Textabschnitte sind Zitate aus der deutschen Übersetzung dieses Vortrags: What explains the rise of humans?)

Die Menschen beherrschen den Planeten, weil sie die einzigen Tiere sind, die flexibel und in großer Anzahl kooperieren können. Es gibt andere Tiere — z. B. die sozialen Insekten wie Bienen, Ameisen — die in großer Anzahl kooperieren können, aber nicht auf flexible Weise. Ihre Kooperation ist sehr starr. Ein Bienenstock kann im Grunde nur auf eine einzige Weise funktionieren. Gibt es eine neue Gelegenheit oder Gefahr, können die Bienen ihr Gesellschaftssystem nicht über Nacht neu erfinden. Sie können zum Beispiel nicht die Königin hinrichten und eine Bienenrepublik oder eine kommunistische Diktatur von Arbeiterbienen gründen.

(Wie das aussähe, zeigt eine Folge der Zeichentrickserie Phineas und Ferb. Candace, die ältere Schwester des titelgebenden Bruderpaares wird versehentlich zur Königin eines Ameisenvolkes. Durch ihre Wünsche bewirkt sie, dass ihr Volk die menschliche Entwicklung über den Ackerbau und die Textilindustrie bis hin zum Internetzeitalter im Schnelldurchlauf nachvollzieht. Allerdings führt das dann auch zu Candaces Entmachtung als Königin – die Ameisen rufen nämlich die Republik aus.)

Menschen hingegen können durch Kooperation mit einer großen Zahl anderer Menschen, die sie z.T. gar nicht kennen Großereignisse wie ein Fußballspiel auf die Beine stellen, dass dann friedlich von tausenden Menschen besucht werden kann.

Auf diesem ersten Teil der Erklärung baut der zweite Teil auf:

Wir können flexibel mit zahllosen Fremden kooperieren, weil nur wir, von all den Tieren auf dem Planeten, Geschichten erfinden und diese glauben können — solange alle an dieselbe erfundene Geschichte glauben, alle denselben Regeln und Vorschriften, Normen und Werten folgen.

Beispiel für derartige Geschichten sind Religionen, die Menschenrechte oder Staaten. Die machtvollste Geschichte, an die wir alle glauben ist das Geld.

Auch Geld gehört nicht zur objektiven Realität; es besitzt keinen objektiven Wert. Zum Beispiel dieses grüne Stück Papier, die Dollarnote. Schauen Sie sie an — sie hat keinen Wert. Sie können Sie nicht essen, nicht trinken und nicht tragen. Aber dann kamen diese meisterhaften Geschichtenerzähler daher — die großen Banker, die Finanzminister, die Premierminister — und sie erzählen uns eine überzeugende Geschichte: “Sehen Sie dieses grüne Stück Papier? Es ist tatsächlich 10 Bananen wert.” Und wenn ich es glaube und Sie es glauben, und alle es glauben, dann funktioniert es auch. Ich kann dieses wertlose Stück Papier mit in den Supermarkt nehmen, einem völlig Fremden geben, den ich zum ersten Mal treffe, und bekomme dafür echte Bananen, die ich wirklich essen kann. Das ist wirklich erstaunlich.

Eine weitere Geschichte, die darauf aufbaut ist übrigens, dass man sich dieses Geld durch Arbeit verdienen muss. Die Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens versuchen im Grunde, die Geschichte des An-Geld-Kommens neu zu erzählen.

Aus diesen beiden Teilerklärungen ergibt sich nach Harari also die heutige Übermacht des Menschen. Ich finde diese Erklärung sehr spannend – und wenn die Geschichten, an die wir heute glauben, nicht auch so viele schädliche Folgen hätten, hätte diese Theorie ja fast etwas poetisches. Die Idee, das die Welt durch Geschichten erzählt wird, ist ja selbst Grundlage von Geschichten wie in der Tintenherz-Trilogie von Cornelia Funke.

Ich finde, wir sollten mehr darauf achten, welche Geschichten wir uns warum erzählen. Es sind so viele falsche Geschichten dabei: Mädchen mögen rosa, Jungen blau. Mädchen sind schwach. Jungen müssen stark sein. Das Kind gehört zur Mutter. Männer sind emotional inkompetent. Männer wollen immer nur Sex, um nur mal so einige wenige zu nennen. Gerade das Gendermarketing ist leider sehr gut darin, uns Menschen zu erzählen, was Frauen/Mädchen angeblich wollen und was Männer/Jungen angeblich wollen oder brauchen. Die falschen Geschichten erzählen, dass Menschen unterschiedlich oder – schlimmer – unterschiedlich wertvoll sind. Sie erzählen von Ungleichheit und dass Ungleichheit leider unveränderbar oder sogar notwendig ist. Gerade solche Geschichten sind leider derzeit sehr beliebt, die Wahlergebnisse der AfD sprechen da für sich. Und die etablierte Politik hat derzeit keine genauso machtvolle positive Gegen-Geschichte, die die Menschen verbindet anstatt sie zu trennen. Es wird Zeit!

Noch eine Blogparade, dieses Mal zu Astrid Lindgren

blogparade astrid lindgren

Demnächst erscheinen Astrid Lindgrens Tagebücher unter dem Titel “Die Menschheit hat den Verstand verloren. Ich bin schon sehr gespannt darauf, sie zu lesen. Aus diesem Anlass hat Kielfeder in ihrem Blog zu einer Blogparade über Astrid Lindgren aufgerufen, an der ich mich gerne beteilige.

Astrid Lindgren war eine meiner großen Lieben meiner lesebesessenen Kindheit. Sobald ich sicher lesen konnte, habe ich Bücher inhaliert. An einem Silvesterabend bei Freunden meiner Eltern las ich Momo in einem Rutsch durch. Der Gastgeber wollte das gar nicht glauben, worauf meine Mutter nur meinte: “Doch, das kann sie!”

Aber ich schweife ab. Astrid Lindgren also. Das erste Buch von ihr, an das ich mich erinnere, ist “Lotta zieht um”.  Auf dem Bild sind zwei von mir verzierte Seiten der Ausgabe von 1962 zu sehen.

Später habe ich dann noch viele andere ihrer Bücher gelesen: Pippi natürlich, Rasmus der Vagabund, Kalle Blomquist, Karlsson vom Dach (den mochte ich aber nicht so), Tomte Tummetot, Michel aus Lönneberga, Ich will auch in die Schule gehen, Madita, Die Kinder aus Bullerbü, Mio mein Mio, Ronja Räubertochter, Nils Karlsson Däumling und von den Büchern, die Geschichtenwolke erwähnt, hatten wir auch einige. Einige Geschichten kenne ich nur als Film, z.B. Ferien auf Saltkrokan, aber da ging mir schon immer dieses Kind Tjorven (?) mit der quietschigen Stimme auf die Nerven (“Bootsmann!! Bootsmann!!).

Heute fallen mir an den Büchern ganz andere Dinge auf als zu meinen Kinderzeiten. Als Kind fand ich vieles in “Lotta zieht um” einfach ungeheuerlich: Sie zerschneidet einen Pullover!! Sie beschuldigt einen Hund!! Sie zieht ernsthaft von zu Hause aus!! Heute finde ich es bemerkenswert, wie die Erwachsenen mit dem Streit umgehen: Tante Berg schickt Lotta nicht nach Hause, als sie in Unterwäsche bei ihr auftaucht, sondern versorgt sie mit Kleidung und richtet ihr sogar die Dachkammer als Schlafzimmer her. Die Familie kommt zu Besuch und bedauert es sehr, dass Lotta ausgezogen ist, schimpft aber nicht und zwingt Lotta auch nicht, mit nach Hause zu kommen. Als es dunkel wird, kommt der Vater dann noch einmal und dann will Lotta auch mit, denn inzwischen ist es ihr in der dunklen Dachkammer doch zu unheimlich geworden. Zu Hause entschuldigen sich dann beide, Lotta und ihre Mutter. Ich glaube nicht, dass es damals schon so üblich war, dass sich auch Eltern mal entschuldigen.

Was mir noch auffällt, ist die enorme Bewegungsfreiheit, die die Kinder in vielen Büchern haben, v.a. in Michel auf Lönneberga und Bullerbü. Als ich mit meiner Großen mal die Verfilmung von Bullerbü angeschaut haben und die Kinder in einer Szene unbeaufsichtigt im See schwimmen, fragte sie mich ganz ungläubig: “Mama, warum dürfen die alles?” Ich wurde etwas traurig, weil ich meinen Kinder gerne auch eine solche Freiheit gönnen würde. Aber in der Stadt ist so ein Leben leider nicht möglich.

Astrid Lindgrens Bücher sind für mich mit einem bestimmten Gefühl verbunden. Weil sie eine heile Welt schildert? Das trifft zwar für viele Bücher zu, manche sind aber auch ziemlich düster: Mio mein Mio, die Brüder Löwenherz oder auch Ronja Räubertochter. Was für mich alle Bücher verbindet ist, dass Astrid Lindgren Kinder immer als gleichwertige Personen ernst nimmt und mit viel Respekt und Wärme über sie schreibt. Da kommen manche Erwachsene deutlich schlechter weg. Michels Vater ist ein Choleriker und Ronjas Vater ist zwar ein Räuberhauptmann, aber manchmal auch schlicht ein quengeliger Kindskopf. Aber es gibt auch immer eine erwachsene Person, die die Kinder ernst nimmt und sie so sein lässt, wie sie sind: Alfred, der Knecht aus Michel auf Lönneberga oder Ronjas Mutter Lovis.

Ich versuche mir vorzustellen, was aus den Kindern der Geschichten als Erwachsene wird: Michel wird Landrat (?), Annika vielleicht Hausfrau und Mutter, Pippi Kapitänin der Hoppetosse und Ronja auf jeden Fall keine Räuberin. Aber alle haben alles mitbekommen, um kompetente und lebensfrohe Erwachsene zu werden.