Spuren von Skifahrern im Schnee

Mein Fehlstart

Manchmal denke ich, mein Leben hat mit einem Fehlstart angefangen. Als ich etwa 7 Monate alt war, war ich für vier Wochen im Krankenhaus. Unbegleitet. Das war in den 70ern noch so üblich, Babys galten damals noch nicht als fühlende Wesen. Die Erkenntnisse von Psychologen wie René Spitz, der als einer der ersten die Bindung von Säugling und Mutter untersuchte, waren zwar meinen Eltern bekannt, nicht aber dem behandelnden Professor. “Ach, das merkt sie gar nicht”, ist das überlieferte Zitat, mit dem darüber entschieden wurde, dass ich vier Wochen ohne meine Familie zu verbringen hatte. Als ich wieder nach Hause kam, war ich hospitalistisch.

Die Symptome des Hospitalismus sind abgeklungen, aber manchmal denke ich, dieser Knacks ist mir geblieben. Das Gefühl, das es keine Sicherheit gibt. Das Gefühl, das ich jederzeit wieder alleine sein kann. Das Gefühl, anders zu sein. Ich war das kranke Kind, das noch jahrelang zu Nachuntersuchungen musste. Dem abgeraten wurde, selbst Kinder zu bekommen. Und dann verflüchtigte sich die Diagnose, aufgrund derer das alles passiert ist, in Nichts. Als ich nämlich nach meiner Hochzeit mit meinem Mann zu einer genetischen Beratung ging und den Namen der Krankheit nannte, sagte die Ärztin nur: “Wenn das stimmen würde, säßen Sie heute nicht so hier.” Heute habe ich zwei gesunde Kinder.

Den Fehlstart kann niemand rückgängig machen. Aber vielleicht kann ich einen anderen Umgang mit dem Gefühl des Anders-Seins finden. Zum Teil ist mir das schon gelungen. Im Internet, v.a. durch Twitter habe ich die gefunden, die die Gedanken aussprechen, die ich mich kaum zu denken traute.  In meiner direkten Umgebung fühle ich mich oft allein auf weiter Flur. Erst recht seit ich Mutter bin. Ich verstehe so vieles nicht daran, wie wir Familie leben. Genauso beim Thema Arbeit. Ich verstehe Statusspiele nicht. Ich verstehe Rücksichtslosigkeit und Ignoranz nicht. Ich verstehe nicht, wie jemand nicht neugierig, wissbegierig sein kann. Ja, es gibt für alles Erklärungen, aber die ändern mein Unverständnis nicht.

Anders ist nur anders. Anders ist nicht falsch. Darum geht es im Grunde. Darum geht es hier auf diesem Blog.

 

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