Sieb

Ein Zettel an der Bürotür

Ich habe mich gerade wieder durch meine Twitter-Timeline gescrollt und war nach fünf Minuten schon wieder ziemlich genervt. Genörgel, Gemecker, Belehrungen, anderen die Wahrnehmung absprechen, nicht zuhören können. Und nein, das liegt nicht an meiner Timeline, die finde ich ziemlich klasse. Es sind eben die üblichen Reply-From-Hell oder Retweet-from-Hell-Nutzer, die einem da ziemlich den Spaß verderben können.

Ich schrieb dann diesen Tweet darüber:

Dann fiel mir ein Zettel ein, den eine frühere Kollegin an unserer Bürotür hängen hatte. Darauf stand die Geschichte von Sokrates und den drei Sieben. Sie handelt davon, das ein Bekannter von Sokrates zu ihm kommt, um ihm etwas zu erzählen. Sokrates antwortet, er wolle nichts davon hören, wenn der Bekannte das, was er sagen wolle nicht mit den drei Sieben der Wahrheit, der Güte und der Notwendigkeit geprüft habe. Der Bekannte muss zugeben, dass er das nicht getan habe. Bei Sokrates wird er seinen neuesten Tratsch also nicht los.

Damals als der Zettel meiner Kollegin an unserer Bürotür hing, fand ich das ein bisschen peinlich, zumindest sehr betulich. Inzwischen würde ich diese Geschichte gerne an jeder einzelne Plakatwand sehen. Die Welt wäre so viel angenehmer, wenn wir alle mal diese drei Siebe verwenden würden. Oder zumindest deutlich öfter.

Was würden wir dann schreiben oder sagen? Wie viel stiller wäre es?  Wie schwer würde es uns fallen, auf das Negative zu verzichten? Es stecken ja auch Bedürfnisse hinter dem schlecht über andere reden; man will seine Position deutlich machen, Verbündete finden, Recht haben, sich selbst aufwerten, indem man andere abwertet.

Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten, paradoxerweise. Auch in den Medien wird wenig gelobt, wenig gutes erzählt. Da ist viel Raum für Hahnenkämpfe mächtiger Menschen, für Katastrophen und Unfälle. Und wenn doch mal ein Bericht über etwas Positives kommt, wird das noch extra angekündigt.

Wie sähe die Welt wohl aus, wenn es keine Medien gäbe, keine herkömmlichen und keine sogenannten sozialen Medien? Wäre die Welt dann für uns ein besserer Ort? Würden wir nicht vielleicht erleichtert aufatmen, weil es ja gar nicht alles so schlimm ist? Was machen unsere täglichen Erfahrungen unsere täglichen Interaktionen wirklich aus? Sind sie so schlimm, dass wir die Medien brauchen, damit sie unser schlechtes Weltbild bestätigen? Sind sie ein Ventil für unsere Verbitterung unter dem Deckmantel der sachlichen Information?

Warum lernen wir das nicht alle? Kommunikation als Lebens-Kunst? Kommunikation nicht als Waffe, sondern als Ausdruck von Wahrheit, Güte und Notwendigkeit. Lieben wir uns wirklich so wenig?

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